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28.06.2019

FUSSBALL | ABSTIEG ALS (LETZTE) CHANCE

Der GC, um genau zu sein, die Grasshopper Fussball AG, belegte in der jüngeren Vergangenheit wieder eine Spitzenposition – wenigstens was die Medienpräsenz anbelangt. In Berichten und Kommentaren wurden Wahrheiten, Halbwahrheiten, Erfundenes und Spekulationen kolportiert. Rückblickend deshalb einige Fakten:

Nachdem auch der mittlerweile wieder zurückgetretene Präsident, Stephan Rietiker, den Abstieg in die Challenge League nicht verhindern konnte, hat er mit Unterstützung der ehemaligen Führungsspitze des FC Basel, der Herren Heusler, Heitz und Jaus ein Konzept für den sofortigen Wiederaufstieg in die Super League erarbeitet. In der Folge wurde den Aktionären für die kommende Saison in der Challenge League ein Budget in der Höhe von mehr als 20 Millionen Franken und mit einem Defizit von rund 14 Millionen vorgelegt. Mit diesen Mitteln, so die Experten, sei der Wiederaufstieg in die Super League in der nächsten Saison mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erreichen. 

Das Wesentlichste allerdings fehlte in diesem Konzept, nämlich ein Vorschlag für die Finanzierung dieses Defizits. Und vor allem fehlte ein Finanzierungsplan für die Zukunft, also für die Saisons nach einem allfälligen Wiederaufstieg in die Super League. Das überrascht nicht: Unter den in Zürich gegebenen Rahmenbedingungen, und solange in Zürich kein taugliches Fussballstadion steht, sind gemäss Experten weiterhin Defizite von jährlich mehreren Millionen Franken zu erwarten. Dass die beiden Aktionäre vor diesem Hintergrund das vorgeschlagen Budget abgelehnt haben, ist nicht nur nachvollziehbar, es ist der einzig richtige und vernünftige Entscheid. Nachdem Peter Stüber und Stephan Anliker erst in diesem Frühjahr mit mehreren Millionen den GC ein weiteres Mal vor der Insolvenz gerettet haben, ist ihnen hoch anzurechnen, wenn sie sich heute dennoch bereit erklären, weitere 6.5 Millionen einzuschiessen und damit ein Budget von gut 13 Millionen zu ermöglichen - für die Challenge League ein durchaus komfortables Niveau! Dem Entscheid der beiden Aktionäre liegt die (späte) Einsicht zu Grunde, dass sich der sportliche Erfolg nicht kaufen lässt – selbst mit schieren 14 Millionen nicht! 

Zürich bietet für den Spitzenfussball vergleichsweise schlechte Rahmenbedingungen, zumindest solange kein geeignetes Stadion steht. Die Perspektiven für GC sind deshalb heute alles andere als rosig und mit Blick auf die Zukunft müssen wir uns endlich eingestehen, dass GC Fussball auf dem in den letzten 20 Jahren begangenen, äusserst kostspieligen Weg gescheitert ist. Schonungslos sind die Konsequenzen zu ziehen.  Wenn GC im schweizerischen Spitzenfussball in kommenden Jahren wieder an seine vergangenen Erfolge anknüpfen will, gilt es jetzt, die wohl letzte Chance zu nutzen. Abseits medialer Gewitter und Shitstorms in sozialen Medien muss sich der GC neu erfinden und auf den Weg der Vernunft besinnen. Die Führung hat sich konsequent am Machbaren zu orientieren, das Budget ist weiter zu optimieren, bis es selbsttragend ist. Der Fokus ist konsequent auf den Nachwuchs zu legen und es sind die (jungen) Kräfte zu mobilisieren, die sich nicht profilieren und bereichern, sondern sich beherzt mit dem GC identifizieren und den GC Spirit neu beleben wollen – diese gibt es nach wie vor, allen Unkenrufen zum Trotz! Setzt sich diese Einsicht bei allen Verantwortlichen, bei der Führung ebenso wie bei der Mannschaft, namentlich auch bei unseren Anhängern, durch und gelingt der Neuaufbau, sind mit der so allmählich zurückgewonnenen Glaubwürdigkeit auch wieder sportliche Erfolge, selbst in der Super League, möglich und kehren Supporter, Sponsoren, Gönner und Zuschauer zurück. Für diesen Aufbau braucht es nicht primär Geld. Manager und Spieler mit Spitzensalären, teure Berater und Experten kann und will sich GC nicht (mehr) leisten. Was es braucht: Eine neue Geisteshaltung, Arbeit, Konsequenz und auch Zeit – allenfalls mehr als nur eine Saison in der Challenge League!

Andres Iten, Grasshopper Club Zürich, Präsident des Zentralvorstandes 

(Von: Eugen Desiderato)